Pflegegrad - nur für alte und körperlich gebrechliche Menschen?

Als Lena Berger geboren wurde, war schnell klar, dass sie keinen einfachen Start ins Leben haben wird. Beide Hände waren nicht vollständig ausgebildet, die Organe teils zu klein, die Speiseröhre verkürzt. Als Lena zwei Monate alt war, beantragten ihre Eltern einen Pflegegrad für sie, da ihre Entwicklung mit großer Wahrscheinlichkeit verzögert sein wird und ihre Pflege besonders viel Aufmerksamkeit bedarf, unter anderem durch nahezu tägliche Arzt- und Therapiebesuche. Lena bekam Pflegegrad 4, obwohl viele denken, dass Babys immer gepflegt werden müssen und den Pflegegrad immer noch nur mit alten und gebrechlichen Menschen verbinden.
Ein Pflegegrad kann aber jedem zustehen, ob jung oder alt, körperlich oder psychisch krank. Auch Jens Schrader hat Pflegegrad 3 bekommen. Er ist 33 Jahre alt und leidet an schweren Depressionen. Diese führen dazu, dass er sein Bett kaum noch verlässt, sich nicht mehr selbst wäscht und ständig an Essen und Trinken erinnert werden muss, da die Antriebslosigkeit ihn daran hindert. Jens‘ Partner muss sich rund um die Uhr darum kümmern, dass er überhaupt noch am Leben teilnimmt. Die Pflegekasse bewertet solche Einschränkungen ähnlich wie körperliche Beeinträchtigungen, die an der Durchführung dieser Aufgaben hindern. Denn wer im Alltag so eingeschränkt ist, braucht genauso Pflege und Unterstützung.
Das Ziel des Pflegegrads ist, die Lebensqualität zu verbessern und notwendige Hilfen zu ermöglichen – egal, ob jung oder alt und ob man die Leiden auf den ersten Blick erkennen kann.
Die Praxis zeigt jedoch: Insbesondere bei sehr jungen Menschen oder Personen mit psychischen Leiden kommt es häufig zu Fehlern bei der Begutachtung. Zu niedrige Einstufungen oder Ablehnungen sind keine Seltenheit. Hier ist es wichtig, Widerspruch einzulegen – am besten mit fachlicher Unterstützung. Der SoVD begleitet Betroffene durch das Antrags-, Widerspruchs- und Klageverfahren, prüft Gutachten und unterstützt bei der Durchsetzung der Ansprüche.
Wer frühzeitig Unterstützung sucht und sich nicht mit einer falschen Einstufung zufriedengibt, kann viel erreichen – für mehr Alltagssicherheit, Entlastung und ein Leben mit Würde, unabhängig vom Alter.