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„Chance für junge Menschen, inklusiv in der Gesellschaft zu leben“

Foto: SoVD NRW

SoVD-Jugend vor Ort: Besuch im Berufsbildungswerk CJD Frechen

Anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung vom 5. Mai besuchten Nicole Müller und Daniel Baldauf von der Landesjugendleitung des SoVD NRW sowie Michaela Quirin, Mitarbeiterin für Frauen- und Jugendpolitik beim SoVD Landesverband NRW, am 9. Mai 2014 das Berufsbildungswerk (BBW) CJD Frechen.

Berufsbildungswerke sind Einrichtungen der beruflichen und sozialen Rehabilitation, die der Erstausbildung und Berufsvorbereitung körperlich, psychisch beeinträchtigter und benachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsenen dienen. Das Rehabilitationsangebot richtet sich an junge Menschen, die aufgrund ihres besonderen Förderbedarfs keinen Ausbildungsplatz auf dem allgemeinen Ausbildungsmarkt finden oder durchhalten können. Die Berufsbildungswerke werden in der Regel von gemeinnützigen Organisationen getragen, während sie hauptsächlich durch die Bundesagentur für Arbeit finanziert werden.

Im Berufsbildungswerk CJD Frechen haben derzeit 250 junge Frauen und Männer die Möglichkeit, durch eine überbetriebliche Ausbildung in rund 30 Berufen einen anerkannten Berufsabschluss mit einer Prüfung vor der zuständigen Kammer zu erlangen. Das BBW CJD Frechen spricht dabei vor allem Jugendliche mit Förderbedarf an, die aus einer Förderschule für Lernbehinderte oder aus einer Hauptschule entlassen wurden. Im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts erhalten die Jugendlichen eine individuelle, interdisziplinäre Förderung von Ausbildern, Lehrern, Sozialpädagogen, Psychologen und weiteren Fachdiensten. Zudem unterstützen Freizeitmöglichkeiten, kreative Angebote, Angebote der politischen Bildung, das gemeinsame Wohnen im Internat und besondere Förderungen wie der Erwerb eines Führerscheins die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen.

In einem 90-minütigen Gespräch mit BBW-Gesamtleiter Markus Besserer und Birgit Niclas, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, konnte sich die SoVD-Jugend umfassend über das Förderangebot sowie die Chancen der Jugendlichen und der jungen Erwachsenen für eine Arbeitsmarktintegration informieren. Dabei betonte Besserer, dass insbesondere das „Miteinander“ der einzelnen Bereiche des ganzheitlichen Konzepts wichtig sei, um das Ausbildungsziel zu erreichen. Über 90 Prozent der Auszubildenden des BBW CJD Frechen würden die Abschlussprüfungen bestehen. Dies verdeutliche den Erfolg des ganzheitlichen Konzepts sowie den Anspruch des BBW, jeden Einzelnen bestmöglichst zu fördern. Ein Problem bestehe in der Regel nur dann, wenn die Jugendlichen nicht mehr kommen würden.

Die SoVD-Jugend bekräftigte die Bedeutung des Berufsbildungswerks und den damit verbundenen Chancen für junge Menschen: „Das Berufsbildungswerk CJD Frechen leistet einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und zur beruflichen und sozialen Förderung benachteiligter Jugendlicher. Selbst wirtschaftsliberale Forschungsinstitute kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Ausgaben für eine BBW-Ausbildung langfristig lohnen. Ein berufsqualifizierender Abschluss bleibt nach wie vor die beste Absicherung gegen Arbeitslosigkeit und Altersarmut und bleibt die Grundlage für eine nachhaltige Teilhabe am Arbeitsleben“, erklärte Daniel Baldauf, Sprecher der Landesjugendleitung NRW.

Weiterhin stellte Besserer fest, dass sich der Arbeitsmarkt – auch durch den demografischen Wandel – in den letzten Jahren verändert habe. So bemerke er ein Umdenken bei den Unternehmen, die zur Deckung des Fachkräftebedarfs vorurteilsfrei BBW-Absolventen einstellen würden. Jedoch sehe Besserer darin Handlungsbedarf, die Auszubildenden noch besser auf die Realitäten am Arbeitsmarkt vorzubereiten und die Ausbildungen stärker mit den Unternehmen zu verzahnen. Letztlich werden rund zwei Drittel der BBW-Absolventen nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert.

Meinungsverschiedenheiten zwischen der SoVD-Jugend und den Vertretern des BBW CJD Frechen bestanden im Inklusionsbegriff und dem Weg, jungen Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen. Baldauf erklärte, dass der SoVD im Sinne eines inklusiven Arbeitsmarktes die Unternehmen zunächst in der gesellschaftlichen Verantwortung sehe, Ausbildungsplätze für behinderte Menschen zur Verfügung zu stellen. „Die Ausbildung behinderter Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt hat oberste Priorität. Den Berufsbildungswerken kommt eine wichtige, ergänzende Funktion zu, den behinderten Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen, sofern dies nicht auf einem anderen Weg sichergestellt werden kann. Die Berufsbildungswerke werden gleichwohl auch in Zukunft unverzichtbar sein“, so Baldauf weiter. Hingegen appellierte BBW-Gesamtleiter Besserer zu einer realistischeren Sichtweise: Die Unternehmen würden sich genau überlegen, schwierigen Jugendliche einen Ausbildungsplatz anzubieten. Die Unternehmen können und wollen sich nicht darum sorgen, ob beispielsweise die oder der Auszubildende pünktlich erscheint. Es müsse darum gehen, den jungen Menschen eine Chance zu geben, inklusiv in der Gesellschaft leben zu können. Diese Chance gebe es jedoch nur mit den Berufsbildungswerken. Dahin gehend müsse der Inklusionsbegriff hinterfragt werden.

Im Gespräch stellten Besserer und Baldauf abschließend gemeinsam fest, dass die arbeitspolitische Förderung der über 25 Jährigen verbesserungswürdig sei, da diese nach der derzeitigen Praxis des Fördersystems durch das Netz zu fallen drohen. Vor allem die Gruppe der 25- bis 35-Jährigen seien jedoch für die Sicherung des Fachkräftebedarfs von enormer Bedeutung, sodass sich die Förderangebote in die Breite und somit auch auf die Zielgruppe der Berufsbildungswerke erstrecken müssten.

Bei einem anschließenden Rundgang über das Gelände des BBW CJD Frechen konnte sich die SoVD-Jugend NRW von der Praxisorientierung der überbetrieblichen Ausbildung überzeugen. In den Werkstätten für Bau- und Malerhandwerk, Metall- und Holzverarbeitung, Hauswirtschaft und Lager/Logistik sowie in dem Gewächshaus des Zierpflanzenbaus und im Garten- und Landschaftsbau erhielt die SoVD-Jugend einen Einblick in die einzelnen Berufsfelder und den Entwicklungsstand der Auszubildenden. In Gesprächen mit den jungen Auszubildenden konnte die SoVD-Jugend zudem erfahren, wie die berufliche Rehabilitation der Jugendlichen verläuft. Im BBW-eigenen Friseursalon „Haarwerkstatt“ und Verkaufsshop „Unicado“ überzeugte sich die SoVD-Jugend schließlich von den Dienstleistungen der Auszubildenden, die der Öffentlichkeit angeboten werden. „Ich bin wirklich beeindruckt, mit welcher Motivation und welchem Engagement die Jugendlichen an ihrem Ausbildungsziel arbeiten“, sagte Nicole Müller, Beisitzerin der Landesjugendleitung, zum Abschluss des Besuchs.

Die SoVD-Jugend NRW wird auch zukünftig Kontakt zum BBW CJD Frechen halten und freut sich bereits auf einen weiteren Besuch beim Berufsbildungswerk.




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