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Inklusion mal anders - Chance für junge Menschen mit Behinderung

Die Leiter des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses Klaus Thomass und Heinz Tewes mit Daniel Baldauf, dem Sprecher der Landesjugendleitung des SoVD NRW vor dem DBH.

SoVD-Jugend vor Ort: Besuch im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Hürth

Zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (5. Mai) besuchten Daniel Baldauf, Sprecher der Landesjugendleitung, und Michaela Quirin, Mitarbeiterin für Frauen- und Jugendpolitik beim SoVD Landesverband NRW, am 11. Mai 2015 das Dietrich-Bonhoeffer-Haus (DBH) in Hürth.

Das bereits 1974 gegründete Dietrich-Bonhoeffer-Haus ist das einzige Internat für körperbehinderte Kinder und Jugendliche in Nordrhein-Westfalen und Teil der Kinder- und Familienhilfen der Diakonie Michaelshoven. Im Dietrich-Bonhoeffer-Haus leben 37 Schülerinnen und Schüler verschiedenen Alters und mit unterschiedlichen Behinderungen. In einer Außenwohngruppe gibt es 5 weitere Plätze. Hier können sich ältere Schüler auf das selbstständige Wohnen vorbereiten. Als 5-Tages-Internat verbringen die meisten jungen Erwachsenen die Wochenenden bei ihren Eltern. Mit dem DBH wurde Kindern und Jugendlichen mit einer Körperbehinderung, die Möglichkeit eröffnet, eine weiterführende Schule zu besuchen. Die Internatsschüler des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses sind nämlich immer auch Schüler der LVR-Förderschule Anna-Freud-Schule in Köln.

Die Anna-Freud-Schule ist in Nordrhein-Westfalen die einzige Förderschule mit den Sekundarstufen I und II. Hier können die Schüler qualifizierte Schulabschlüsse der Sekundarstufe I und Abschlüsse der gymnasialen Oberstufe - die Fachhochschulreife und das Abitur- erwerben. Zudem gibt es neben dem Unterricht auch Therapiemöglichkeiten. Die Anna-Freud-Schule praktiziert schon seit Jahren die sogenannte „umgekehrte“ Inklusion. So werden Schülerinnen und Schüler der nahegelegenen Realschule in die Förderschule integriert.

Die Einzigartigkeit der Förderung von behinderten Jugendlichen bewegte die SoVD-Jugend NRW zu einem Gespräch mit der Leitung des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses, Klaus Thomass (Leiter) und Heinz Tewes (Stellvertretender Leiter). In einem 90-minütigen Gespräch mit anschließendem Rundgang durch das Internat konnte die SoVD-Jugend einen Einblick in das Leben der Internatsschüler des DBH erhalten. 

Im Gespräch informierte Klaus Thomass über die Geschichte des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses und dessen Verselbstständigungskonzept. Durch die rege Nachfrage an Internatsplätzen sieht Thomass sich in der Arbeit des DBH bestätigt. Zum Konzept stellte Heinz Tewes fest: „Uns ist es wichtig, die Jugendlichen zu befähigen, gleichberechtigt an der Gesellschaft teilzuhaben. Dabei dient uns die prozessorientierte Inklusion als Weg. In kleineren Schritten sollen die Jugendlichen lernen, ein selbstständiges Leben zu führen. Wir sehen uns als Einrichtung auf Zeit. Denn mit Ende der Schulzeit endet auch das Leben im Internat.“ Für junge Menschen mit Behinderung sei es wichtig, einen gesonderten Raum für ihre persönliche Entwicklung zu haben. Denn in der Pubertät sei es für junge Menschen einfacher, ihre Persönlichkeit in einer Gruppe von Gleichen zu entfalten. In einer inklusiven Regelschule fühle sich der Schüler aufgrund der Behinderung oft als derjenige mit einer Sonderbehandlung. So liege der Fokus auf der Behinderung als Defizit.

Deshalb setzen das Dietrich-Bonhoeffer-Haus und die Anna-Freud-Schule die prozessorientierte Inklusion um. Die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten und Potenziale der Schülerinnen und Schüler stehen dabei im Vordergrund. Jeder Internatsschüler des DBH erhält ein individuelles Förderangebot, das angepasst an die Bedarfe die bestmögliche Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben ermöglicht.

Morgens geht es für die Internatsschüler des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses mit Bussen in die Anna-Freud-Schule. Gegen 16:00 Uhr kommen die Kinder und Jugendlichen wieder zurück in das Internat. Der DBH-Leiter Klaus Thomass verrät schmunzelnd: „Vor 40 Jahren wurden manche Schüler noch in Gepäckwagen der Bahn zur Schule transportiert. Seitdem hat sich vieles verändert.“ Das Internatsleben findet unter der Woche von 16:00 bis 22:30 Uhr statt. In dieser Zeit erhalten die Internatsschüler eine individuelle Förderung. Dabei ist die Zeit für Therapien genauso wichtig wie eine aktive Freizeitgestaltung. Während manche Schüler noch ein wenig Anleitung benötigen, um ihre Interessen herauszufinden, sind andere bereits alleine in Hürth und Köln unterwegs oder nutzen das Musikzimmer des DBH. Zum Verselbstständigungskonzept gehört auch, dass die Schüler gemeinsam kochen können. Dafür stehen separate Küchen zur Verfügung.

Trotz des gemeinsamen Ziels der Inklusion von Menschen mit Behinderung wurden im Gespräch unterschiedliche Inklusionsansätze deutlich. Während der SoVD die inklusive Regelschule fordert, verfolgt das Dietrich-Bonhoeffer-Haus einen Sonderweg – zumindest für die Schulzeit. Hingegen besteht Einigkeit zwischen dem DBH und dem SoVD bei der Verwirklichung eines inklusiven Ausbildungs- und Arbeitsmarktes. „Es hat sich einiges bewegt. Wir unterstützen die UN-Behindertenrechtskonvention, sehen aber auch, dass die inklusive Schule nicht für jeden funktioniert. Deshalb halten wir unseren Mittelweg für praxistauglicher. Außerdem beschäftigt uns derzeit die Frage, wie es nach der Schulzeit weitergeht. Daher hat die Anna-Freud-Schule Kooperationen mit Unternehmen geschlossen, so können wir auch unseren Jugendlichen Perspektiven nach ihrer Zeit im Dietrich-Bonhoeffer-Haus aufzeigen“, so der Leiter Klaus Thomass.

Bei einem anschließenden Rundgang durch das Haus konnten die Vertreter der SoVD-Jugend einen guten Einblick in das Leben der Jugendlichen im Internat erhalten. Bei der Besichtigung der Zimmer der Bewohner meinte Daniel Baldauf: „So sah es in meinem Jugendzimmer auch aus. Ganz normal.“ Genau dies ist auch den beiden Leitern des DBH wichtig: Im Dietrich-Bonhoeffer-Haus leben normale Jugendliche, die lediglich in bestimmten Bereichen Unterstützung benötigen. Abschließend erklärte Daniel Baldauf: „Ich würde mir wünschen, wenn das umfassende Förderangebot des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses und der Anna-Freud-Schule zum Alltag in jeder inklusiven Regelschule würde.“

 

 

 




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